Leider bekomme ich nicht mehr alle Stationen zusammen, dennoch möchte ich gerne meine Story weiter erzählen 🙂

Von Alteburg bis Bingen, über Ellerspring

Am nächsten Morgen war ich schon sehr viel geübter im Loskommen. Ruck zuck hatte ich meinen Kaffee gekocht, meine Tagesration vorbereitet und das Zelt im Rucksack verstaut. Ich hatte Hummeln im Hintern. Der Morgen sagte mir, dass es ein sehr heißer Tag werden würde und ich legte schon ein gutes Tempo ein, damit ich ein gutes Stück vorwärts kam.

Laut meiner Liste würde es erst wieder Wasser bei Ellenspring oder beim Jägerhaus geben. Mit dem Damen verblieb ich auf ein „vielleicht bis zum Trekkingcamp Ellenspring” wusste aber irgendwie schon, dass ich sehr viel weiter laufen würde als 15 km. Und das tat ich auch. Ich lief und lief und lief am Ellenspring vorbei. An diesem Tag sollte ich die 40 km knacken.

Ich pausierte und traf auf eine Dame, die im Schatten einer Schutzhütte saß und die Aussicht in sich aufsog. Völlig entspannt und im absoluten Einklang mit sich selbst, der Natur und dem Moment. Schön.
Auch sie war alleine unterwegs und ihr Rucksack hatte gerade mal ein Viertel von dem Volumen welches ich mit mir herum schleppte. Okay, ich denke, ich hatte meine Lektion gelernt. Im Gespräch erzählte sie, das sie über 65 Jahre alt sei. Ich war verblüfft und lobte ihre Fitness. Das Alter war ihr nicht anzusehen. Bevor ich weiterzog prophezeite mir die Wanderin, dass ich Bingen vermutlich heute noch erreichen würde, da es nicht mehr so weit sei. Etwas ungläubig setzte ich meinen Weg fort.

Auf dieser Etappe traf ich auf einen Mann, der sehr viel schneller als ich unterwegs war (leichteres Gepäck), aber öfter Pause machte. Ich überholte ihn des Öfteren, wenn er eine Pause einlegte und er überholte mich, wenn er sein Tempo wieder aufnahm. Es erinnerte ein wenig an Hase und Igel.

Knockout an der Tankstelle Rheinböllen

Völlig erschöpft und mit brennenden Füßen verließ ich den Soonwald und wurde knallhart in die Realität zurückgeholt. Die Sonne brannte und ich befand mich an einer Hauptverkehrsstraße ohne einen Plan davon zu haben wo ich nun überhaupt bin. Ich sah eine Tankstelle, die den Namen Rheinböllen trug. So vermutete ich, dass ich demnach wohl in Rheinböllen sein müsste. Im Grunde genommen drehten sich jedoch meine Gedanken nur um Cola, Kaffee und Wasser. Ich ließ meinen Rucksack vor einen der Tische, die vor der Tanke standen fallen und streckte einfach nur meine Beine von mir. Ich zog die Schuhe aus und packte meine Mahlzeit aus. Dass ich vermutlich an einem der Tische saß, die zu dem Imbiss oder Café gehörten war mir in diesem Moment absolut egal. Ich war völlig überzeugt davon, dass ich nach etwa plus-minus-ich-weiß-nicht-mehr 35 km keinen Schritt mehr laufe. Ich kaute an meiner Salami und überlegte wie ich nun an meinen Kaffee und meine Cola kam ohne den Rucksack draußen zu lassen oder den Rucksack mit rein zunehmen, oder aber einfach barfuß schnell rein zu rennen. Mein Gedankenszenario wurde unterbrochen von einem: „Das hätte ich jetzt aber nicht gedacht, dass ich Dich hier wieder treffe!” unterbrochen. Ich blinzelte in die Sonne, kniff meine Augen zusammen und erkannte den Briten, den ich ab und an überholte und er mich. Also, zumindest sah er aus wie ein Brite. Wir lachten und ich schickte ihn zum Kaffee und Cola holen in die Tankstelle. Problem gelöst.

Wir stärkten uns in Ruhe und Thilo, so war sein Name, erzählte mir, dass er zu 20:00 Uhr in Bingen sein musste, um seinen Zug zu erreichen, weil er am nächsten Tag  wieder arbeiteten muss. „Donner Wetter,” dachte ich mir, ließ ihn ziehen und widmete mich genüsslich meiner Cola, die ich nicht einmal leer trinken konnte, weil er es mit einer 1,5 L-Flasche doch etwas zu gut meinte. Widerwillig zwängte ich meine Füße in meine geliebten Wanderschuhe und ließ die Cola bei einem Mitarbeiter des Cafés zurück.

Eigentlich wollte ich mein Lager aufschlagen

Mein heutiges neues Ziel war der Campingplatz Lauschhütte.
Diesen ließ ich dann jedoch rechts von mir liegen, weil mir dort zu viele Autos auf dem Parkplatz standen und ich so gar keine Lust auf Trubel hatte. Also lief ich weiter die Trails entlang, kreuzte schnaufenden Mountain-Bike-Fahrern, die den Trail wieder hoch mussten, den sie gerade herunter kamen, weil sie zur Lauschhütte wollten und falsch abgebogen sind. Ich sah Fichtenbäume, verwurzelte Wege, Familien- und Gruppenwanderer, und Thilo. Anscheinend hatte ich ihn wieder eingeholt, weil er zwischendrin irgendwo rast machte. Wir grinsten kurz und liefen den Weg gemeinsam weiter.

Ich wusste gar nicht, dass Männer solch Quasselstrippen sein konnten. Aber, es gibt sie wirklich. Ich hatte es mitunter schwer mich auf meinen Atem zu konzentrieren, weil ich gerne aktiv zu höre und das aber nicht kann, wenn ich mich auf etwas anderes konzentriere. Als er aber meinte, dass er gerne vor sich her rede und das gar nicht so wichtig sei, versuchte ich es irgendwie auszublenden und bei mir zu bleiben – auch wenn die Erzählungen nicht uninteressant waren. Mir zu liebe blieb er dann ab und an leise. So konnte ich recht gut mit seiner Geschwindigkeit Schritt halten. Wir zogen uns gegenseitig vorwärts. Bergab war ich schneller, das Gewicht drückte mich nach unten; bergauf war er schneller, das Gewicht drückte mich auch hier leider nach unten. Er ließ mich nicht zurück, obwohl ich öfter sagte, dass er sein Tempo beibehalten sollte. Da er dies nicht tat und auf mich wartete liefen wir und liefen wir. Ich war auf die Jagdhütte fixiert und rannte stur nach den Schildern. Sein GPS-Gerät piepste. Glück gehabt, es waren nur etwa 50 m die wir wieder zurück laufen mussten. Die Zeit wurde knapp für ihn, wenn er seinen Zug noch erreichen wollte.

Die letzte Nacht auf dem Soonwald-Steig

Letztes Lager vor Bingen mit herrlichem Ausblick

Nach einer letzten gemeinsamen Rast an einer wunderschönen Schlucht, bestand ich darauf, dass er nun alleine weiter ging, weil er seinen Zug sonst nicht mehr schaffen würde. Meine Blasen an den Fersen ließen nur ohnehin nur ein Schneckentempo zu. Es war eine sehr gute Entscheidung, denn auf der letzten ausgeschriebenen Etappe (Jägerhaus – Bingen) sollte es noch einmal richtig zur Sache gehen. Es erwartete mich ein sehr steiler Anstieg, bei dem ich das Gefühl hatte, dass mich der Rucksack, bei einer falschen Bewegung, nach hinten ziehen und ich stürzen würde.
Ich mobilisierte meine letzten Kräfte und schlug kurz vor Bingen, gegen 20:45 Uhr, mein letztes Lager auf. Das Ankommen in Bingen machte für mich keinen Sinn, da ich nicht in der Stadt nächtigen wollte. Aus dem Wald heraus hatte ich einen herrlichen Ausblick auf den Rhein.

Viel zu müde, um irgendwie noch nach einer geraden Fläche für das Zelt zu suchen, platzierte ich es etwas Hang abseits, was sich später beim schlafen rächen sollte. Ich kullerte immer zur Seite und konnte nicht auf meiner Matratze liegen bleiben.

Kreuzbachklamm bei Bingen

Hängebrücke Kreuzbachklamm bei Bingen
Hängebrücke Kreuzbachklamm bei Bingen

So war ich schon vor 06:00 Uhr wieder „wach” und lief die letzten Kilometer nach Bingen.

Dabei kam ich an der Kreuzbachklamm vorbei. Die Begehung hat unheimlich viel Spaß gemacht, weil sie einem kleinen Klettersteig glich.

Über die tatsächlich gelaufenen km vom Vortag machte ich mir keine Gedanken mehr. Wie aus einem abenteuerlichen Traum erwacht, landete ich nach verlassen der Klam an der Bundesstraße B9, die ich überquerte, um direkt zum Rhein zu gelangen, den ich von Bingen nach Rüdesheim entlang lief. In Rüdesheim setzte ich wieder über auf die andere Rheinseite.

Den Soonwald-Steig schloss ich viel zu schnell ab. Mich erwarteten drei weitere Tage auf dem Rhein-Steig, der auf der anderen Rheinseite liegt. Die Bedingungen waren dort um einiges heftiger als beim Soonwald-Steig.

Aber, dass wusste ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht und genoss diese unendlich schöne Weite des Rheins, der Berge, der Burgen, die Sonne und die leichte Brise …

Verlassen des Soonwaldsteiges, nach der Kreuzbachklamm, über die B9, direkt am Rhein

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